Das Leben einer Baumrinde

Ob ich mit dem Fluss geboren bin oder der Fluss vor mir da war, weiß ich nicht.
Ich war plötzlich da. Ein Stück Rinde auf einem See. Ein ruhiger See. Auf der einen Seite eine Wiese, die bis ans Ufer reicht und wo der Boden seicht ins Wasser abfällt. Auf der anderen Seite Wald und eine steile steinige Böschung. Der See liegt direkt an einer steil abfallenden Wand und entleert sich durch einen Wasserfall. Auf der Oberfläche ist das Wasser ruhig aber wehe man taucht unter, dann erfasst einen die Strömung und reißt einen über die Kante den Wasserfall hinunter. Tausende Meter tief in einen Gischt sprühenden, strudelnden, kochenden Tumpf.

Als ein Stück Baumrinde bin ich lange Zeit auf dem Wasser hin-und her getrudelt. Mal an der Wiese angeschwemmt worden um dann wieder sanft losgerissen zu werden. Mal ein bisschen an der Stellwand an die Steine geschlagen. Aber alles ganz harmlos nichts besonderes. Aber dann habe ich einige Zeit am Rande der Wiese mit der Wölbung nach unten gelegen, Blätter sammelten sich in meiner Wölbung und bildeten Humus. Dabei wurde ich schwerer und immer schwerer und dann eines Tages nach einem starken Regen wurde ich unter die Wasseroberfläche gedrückt und ging unter.

Die Strömung erfasste mich und wusch mir mit einem kalten Schwall die Erde ab und hin-.und her wurde ich geschüttelt und dann ging es kopfüber über die Kante und es gab kein Halten mehr. Ich stürzte, stürzte, trudelte; um mich herum Wassermassen. Dann wurde ich aus dem Schwall herausgeschleudert und flog durch die Luft unter mir das Rauschen und Brüllen das Wasserfalls über mir strahlend blauer Himmel.

Alles drehte sich und mit einem Klatsch landete ich wieder auf den nach unten strebenden Wassermassen. Der Aufprall im Tumpf war die gewaltigste Erschütterung, die ich je in meinem Leben gespürt hatte und doch war alles Nachfolgende noch fürchterlicher als alles vorher.

Im Tumpf drehte sich das Wasser in einer gewaltigen Walze um und um und um. Immer wieder wurde ich hochgeschleudert und wieder von dem Wasser erfasst um gleich wieder unter die Oberfläche gepresst zu werden. Und wieder, wohl hunderte Male ging es rauf an die Luft und wieder runter unter das Wasser. Ein Brüllen wie von tausend wilden Tieren und durch die Nebel der Gischt drang kein Lichtstahl. Doch dann irgendwann änderte sich etwas und ich wurde aus dem Tumpf in die abfließende Rinne geleitet. Es ging noch ein wenig hoppla di hopp und dann war ….. Ruhe.

Frieden.
Ein leichtes Plätschern.
Ich schaukelte auf leichten Wellen mit der Strömung dahin.

Der Fluss wurde breiter und wieder wurde ich am Rand irgendwo angeschwemmt. Konnte eine Zeit lang dort liegen und ausruhen. Doch nie war es von Dauer, immer wieder änderte sich der Wasserspiegel und ich wurde wieder fortgerissen. Mal waren es kurze Zwischenhalte nur um ein bisschen zu trocknen und in der Sonne zu liegen. Mal sammelte ich viel Erde an und mal wurde ich sogar in den Bau eines Bibers eingebaut. Das war eine gute Zeit und es wuchs sogar ein Bäumchen auf mir und bohrte mit seiner kleinen Wurzel ein Loch in mich hinein.

Doch auch diese Zeit war nicht von Dauer und bevor ich mich noch fest mit dem Bau und dem Bäumchen darauf verbinden konnte, fing es an zu regnen und es regnete und regnete. Dauerhaft Tage, Wochen, Jahre und der Biberbau unter mir wurde überflutet und die Biber zogen aus und der Bau vermoderte und wurde löchrig und stank. Und dann eines Tages stieg das Wasser immer höher und eine Flutwelle rauschte zerstörerisch durch das Tal, erfasste das Bäumchen und riss es von mir fort. Nie hatte ich einen solchen Schmerz gefühlt, nie war mir meine Hilflosigkeit, mein Dasein als bloßes Stück Baumrinde so fürchterlich kalt und grausam bewusst gewesen. Ich wurde mit dem Wasser von dem Biberbau gespült und drehte und kreiste im tosenden Strahl. Durch das Loch hatte ich keine rechte Lage mehr auf dem Wasser und wußte irgendwann nicht einmal mehr wo oben und unten war. Keine Richtung. kein Gefühl, kein Sein nur trudeln, treiben ohne Halt im kalten Strom der Zeit. Hoffend auf ein endgültiges Untergehen oder Zerschellen an irgendeinem Felsen.

Aber der Fluss ist gnadenlos und so wurde ich wieder irgendwo angespült. Lag wieder in der Sonne, konnte trocknen, und wurde wieder ein Stück Baumrinde. Ich warf Schatten unter mich so dass das Grass unter mir verdorrte doch durch mein Loch fiel ein wenig Sonne und dort wo Licht ist, ist auch Wachstum und Leben und so wuchs ein Blümchen dessen Same schon lange dort gelegen hatte aber wegen des dichten Grases nicht aufgehen konnte. Und das Blümchen wuchs und der Stengel drückte sich durch das Loch der Sonne entgegen. Und die Blüte entfaltete sich damit die Biene käme um es zu bestäuben und neues Leben zu schaffen.

Und so liege ich dort, in der Sonne und im Regen, bei Nebel und Schnee. Und so langsam fangen die Pilzsporen an meine Unterseite aufzuweichen. Sie verbinden mich mit dem Boden so dass der Wind keine Chance mehr hat. Asseln haben sich krabbelnd ein Nest unter mir gebaut und knabbern ein bisschen an mir herum. Aber das macht nichts, denn durch ihr Krabbeln habe ich es auch von unten schön warm.
Ich werde alt und rissig und träge: ich möchte auch gar nicht mehr weg.

Ich glaube wenn ich noch ein bisschen länger hier liegen bleiben kann dann schaffe ich es und werde selber zu Humus und mit meinem letzen Körnchen gebe ich dem Blümchen Futter. Das Blümchen was mich immer so lustig gekitzelt hat wenn der Wind ging.

Und manchmal denke ich zurück an all die stürmischen Tage wo es heidewitzka durch die Stromschnellen ging. Oder auch die ruhigen Tage in dem See ganz oben in den Bergen als alles noch ruhig und schön war und das Leben ohne Sorgen und Schmerz.

Ach war das ein Leben.

Ein Wind kam auf und Staub wurde aufgewirbelt. Die Reste der Rinde seufzten und Staubpartikel drehten sich. Hach…. Das Leben….

Und auf der Stelle wo die Rinde gelegen hatte, blüht dauerhaft ein Nest aus kleinen Blümchen. Das Grass hat hier keine Chance mehr.