Die Frau im Park
oder wie ich wieder laufen lernte.


Da ist sie wieder.
Wie jeden Donnerstag.
Seit ein paar Wochen.
Jeden Donnerstag.
Morgens zwischen 7 und 8.
Ich bin dann ja meistens schon 2 Stunden auf. Kann nicht mehr richtig schlafen. Tag ist wie Nacht. Gleich. Tag nur ein bisschen mehr laut. Bin immer schon früh auf weil ja auch morgens schon der Ziwi kommt mit den Medikamenten. Ja, ich weiß es gibt keine Ziwis mehr. Ich nenne ihn nur noch so, weil ich das Wort so lustig finde. Ziwi das waren die, die nicht zum Bund gegangen sind. Ziwis, das waren die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Die Hippies, die Verweigerer, so wie ich einer war. Bund, das sagt heute auch keiner mehr. Heute hat Bund was mit Umweltschutz zu tun. Für uns war Bund der Klassenfeind. Ungeliebte oft auch gehasste Pflicht. Damals, Gott, dass ist jetzt auch schon fast 20 Jahre her, als es noch die Wehrpflicht gab; als es noch Klassenfeinde gab.
.....
Beschwingten Schrittes biegt sie in den Weg zum Park ein, ihr Rollenköfferchen hinter sich her ziehend. Holpernd und laut kommt es angerollt über die Pflastersteine des Trottoires. Doch wenn sie in den Park einbiegt mach das Köfferchen kaum noch ein Geräusch. Der Weg ist eben und glatt. Beton eben. Und mit der Veränderung des Geräusches hinter ihr verändert sich auch ihr Gang. Forsch und schnell ist ihr Gang auf dem Kopfsteinpflaster und manchmal knallen ihre Absätze wie Marschflugkörper auf den Stein. Aber auf dem Weg durch den Park werden ihre Schritte sanfter, langsamer, abwartend. Sie hebt den Kopf und es sieht aus als hielte sie die Nase in den Wind. Schnuppernd. Sie schaut sich um, dreht den Kopf, schaut die Bäume hinauf und manchmal bleibt sie stehen, schaut auf die Büsche, die Blüten, die Bäume oder den Himmel. Ich kann es nicht erkennen, warum sie stehen bleibt und schaut. Sie bleibt aber auf keinen Fall so stehen, wie Leute stehen bleiben, die gerade mit ihrem Handy telefonierend stehen bleiben, so als wäre das Stehenbleiben irgendwie gerade in diesem Moment besser für das Gespräch. Nein, sie redet ja auch nicht. Sie bleibt einfach stehen und schaut.
Mieehp, Mieehp, Mieehp……
Ach jetzt hat der Nachbar wieder seinen Wecker nicht ausgemacht! Mieep Miiieep Mieep. Hach das geht jetzt bestimmt wieder stundenlang so. Das darf doch nicht wahr sein! Da habe ich 45 Jahr... Ne, warte mal mehr. 1972 mhm, mhm, mhm Warte, Abitur, Wehrdienst, 85 mhm, Zählt die Ausbildung jetzt dazu? Also mit Ausbildung: Ich habe nicht 46 einhalb Jahre jeden Tag ordentlich und pünktlich meine Arbeit erledigt. War NIE auch nur einen Tag zu spät im Labor, ausser bei höherer Gewalt, habe es IMMER geschafft meinen Wecker auszuschalten um jetzt von dem Wecker so eines schlipstragenden Young Urgent Professional Bachelor Heini terrorisiert zu WERDEN!!!
Aus.
Wecker ist aus. Das ist auch gut so. Sonst vergesse ich mich irgendwann noch mal und fange an wie die Spießer von damals rumzubrüllen und mit dem Besenstiel an die Decke zu klopfen.
Hach jetzt ist sie weg. Mist. Jetzt weiß ich gar nicht, ob sie wieder stehen geblieben ist.
Ich weiß ja auch gar nicht wo sie herkommt. Sie war einfach irgendwann da. Und dann jeden Donnerstag. Irgendwann hat mich dieses Geräusch ihrer knallenden Stiefel und ihres Rollenköfferchens (ich weiß, das das Trolley heisst, aber ich liebe die deutsche Sprache und werde mich nicht jeder Mode beugen. Der junge Mann im Sozialen Jahr bleibt der Ziwi und Trolley erinnert mich eher an Tolkien als an einen Koffer, also: das Geräusch ihres Rollenköfferchens (absichtlich Genitiv! Ihr Penner!) hat mich ans Fenster gelockt. Es war Frühling und ich konnte sie gut erkennen weil die Bäume noch wenig Laub hatten.
Vorher habe ich einfach auf den Ziwi gewartet und gelesen. Oder Kreuzworträtsel gemacht. Oder ich hatte den Fernseher an und habe Frühstücksfernsehen geguckt. Aber nun öffne ich jeden Donnerstag das Fenster und warte dass sie kommt.
Manchmal gehe ich auch schon am Mittwoch ans Fenster, aber da kommt sie nicht. Mittwochs kommt nur der Mann mit dem Hund. Und der ist mir vorher nicht aufgefallen, weil er kein Geräusch macht. Aber der Hund ist lustig. Er rennt und tollt und wälzt sich im Gras. Das muss schön sein, so auf dem Gras zu laufen.
….
Der Mann mit dem Hund kommt auch Dienstags. Letztens war sie Donnerstag nicht da aber dafür Freitag. Ich habe das Geräusch sofort erkannt.
Hab mich richtig gefreut sie wieder zu sehen. Ob sie wieder stehen bleibt?
Ich würde ja schon gerne wissen was sie da sieht.
Und wie fühlt sich Gras unter den Füssen an?

In letzter Zeit ist sie immer dick eingemummelt und sie bleibt auch nicht mehr stehen. Aber ich beobachte sie trotzdem; auch wenn es ganz schön kalt ist am offenen Fenster.
Ha! Ich habe auch rausgefunden wo sie her kommt!
Jeden Montag Abend kommt sie nämlich auch mit Ihrem Köfferchen durch den Park gerollt. Immer so gegen 6 Uhr. Ich habe das rausgefunden, als der Fernseher kaputt war. Und dann habe ich mich mal so richtig auf die Lauer gelegt. Bin ja schließlich neugierig. Und gut organisiert. Das war wichtig in meinem Job. Gelernt ist gelernt. Versuchsanordnung, Dokumentation und auch mal aussergewöhnliche Wege gehen. Da! Ergebnis;
Sie kommt auch jeden anderen Tag durch den Park; Aber mit dem Fahrrad!! Und da macht sie ja kein Geräusch.
Ha! Und der Mann mit dem Hund kommt auch jeden Tag durch den Park.
Nachmittags spielen schon mal Kinder auf der Wiese Fussball. Wie wir früher. Ich dachte das machen die Kids heute gar nicht mehr. Ich dachte die sitzen nur vor ihrer Playsie und töten virtuelle Feinde mit viel Blutgespritze und echt klingenden Schreien.
Manchmal sitzen Männer auf der Bank und diskutieren. Über was die wohl sprechen?
Seit ein paar Tagen blühen die Bäume wieder. Sie geht immer noch den selben Weg und bleibt wieder stehen und schnuppert. Ja, sie schnuppert, was sonst?
Ich muss wissen was es da zu schnuppern gibt.
Ich muss mich erinnern wie sich Gras unter den Füssen anfühlt.
Ich muss …
Dann muss ich wohl mal raus.
OK. Dann Raus!!
Halt! Aber nicht in Schlappen. Schuhe. In Schuhen geht man raus uns in Schuhe gehören Socken. Mann, die könnten auch mal wieder geputzt werden.
So, Schuhe wieder sauber. Wenn meine Mutter mich jetzt hören könnte. Ich und Schuhe putzen. Na ja damals. Turnschuhe müssen ja auch nicht geputzt werden.
Also saubere Schuhe und Socken. Halali! Ich komme.
Dann könnte ich ja auch mal eine Hose anziehen. Zu Socken trägt man keinen Schlafanzug.
Also dann jetzt!!
War schon lange nicht mehr draussen.
Ist ja eigentlich so wie damals als ich ins Labor ging. Wie war das? Kaffeetasse spülen. Brot einpacken. Tasche aufnehmen und der letzte Blick in den Spiegel ob ich auch nicht zu spießig aussehe.
Hach! Rasieren könnte ich mich auch mal wieder. Ich sehe ja aus wie der Jeti!
Hippe ist ja gut aber das geht echt jetzt nicht.
Wo ist denn mein Rasierzeug und meine Bürste?
So jetzt aber fertig. Ach jetzt ist es ja schon 8

Aber morgen!
Vorsicht Welt ich komme! Morgen.
Hi Hi, der Ziwi hat mich gar nicht erkannt und hat Witze gemacht heute morgen. Ist ja gar kein so schlechter Kerl. Finn heißt er. Da habe ich dann gelacht. „Ja, lachen Sie ruhig“ hat er gesagt, „das ist gar nicht lustig. Alle Welt heißt so und wir hatten 4 Finns in der Klasse.“ Ja, das kenne ich, wir hatten auch 4 Jörgs in der Klasse hab ich ihm geantwortet. Und da haben wir uns angegrinst. Netter Kerl der Finn.
Habe ihm von meinem Vorhaben erzählt, dass ich mal raus will. Wenn es sich mal ergibt und ihm meine geputzten Schuhe gezeigt.
Ok sagt er. Er würde dann entscheiden, dass sich das jetzt morgen ergäbe. Heute müsse er sofort weiter weil die Frau Sowieso auf ihre Medikamente warten würde. Aber morgen wäre gut.
Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Es war grauenhaft und die Nacht war auch so laut dieses Mal. Wie oft irgendwelche Leute gerettet werden müssen. Musste denn ausgerechnet heute Nacht ganz Hamburg einen Herzinfarkt bekommen? Und alle Hunde in der Nachbarschaft mussten bellen. Und die Teilnehmer von dem Rockfestival mussten alle Alle durch den Park heute Nacht.
Heute. Heute gehe ich raus. Finn kam dann sogar ganz pünktlich und hat mir noch die Haare gewaschen und einen Zopf gemacht. So richtig cooler Althippie meinte er. Ich hab dann die geputzten Schuhe und meine alte Jeans angezogen. Und dann sind wir los! Geronimo ich komme!! Raus. dann jetzt. Aus der Tür. In den Hausflur. In den Aufzug und auf die Strasse.

Und da kam sie auch schon mit ihrem Köfferchen und Ihren Stiefeln. "Ist sie dass?" flüsterte Finn mir ins Ohr? Ich konnte nur nicken. Sie lächelt. Lächelt mich an, geht weiter.
Schaut dreht den Kopf.
Bleibt stehen.
"Wie schön sie duften, die Holunderblüten. Nicht wahr".