Doch ach, wie schnell wird man älter. Schon war man in der Lage mit Bus und Bahn quer durch Essen zu fahren, und keiner hielt es für gefährlich oder seltsam, wenn Pubertierende allein unterwegs waren. Gestiefelt und gespornt ging es nach Essen Stadtwald zum Reitunterricht und zu den alten Kollegen nach Haarzopf. 
Ich fuhr damals nämlich jeden Sommer noch mit der Evangelischen Kirchengemeinde Haarzopf in die Kinderfreizeit und konnte mir so ein paar alte Freunde erhalten. Ach wie schön waren die bunten Abende, an denen die Mundorgel rauf und runter abgesungen wurde und so manch Einer seine kabarettistische Ader entdeckte. Tja, leider waren es nicht die Pfadfinder und so löste sich diese Gemeinschaft immer nach den Ferien wieder auf und konnte auch nicht ins Erwachsenen-Alter gerettet werden.
Nicht, dass ich nicht als Erwachsene noch mit Zelt und Motorrad unterwegs gewesen wäre, aber es ist doch etwas anderes. 

Die Schulzeit war für mich der reinste Alptraum und wahrscheinlich auch für meine Umgebung. Da ich mich nie so ganz und gar für eine Sache begeistern konnte, rutschte ich von einer Clique in die nächste. Denn entweder waren die Leute mit denen ich unterwegs war gerade für meine Begriffe zu oberflächlich oder im Gegenteil eben zu sehr von ihrer Sache überzeugt. Und oft geht es mir heute noch so, dass ich genau diese beiden Extreme bei meinen Zeitgenossen bemerke. Entweder sind sie eben wirklich total oberflächlich und machen sich keinen einzigen Gedanken über ihr Tun und Denken oder sie sind so überzeugt von ihrer Sache, dass nur diese Meinung oder Sache dass Alleinseeligmachende ist. Heute kann ich aber damit umgehen und nehme die Leute eben so wie sie sind. Als Pubertierende hatte ich diesen Weitblick noch nicht und trat deswegen immer von einem Fettnäpfchen in den Nächsten. Sicher hatte ich auch Freunde und Freundinnen und ich danke diesen Personen sehr, dass sie es mit mir ausgehalten haben. Aber ich habe auch einige der bittersten Enttäuschungen meines Lebens (bis heute) in dieser Zeit erlebt. 

Seltsam ist nur, dass sich heute alle „Freunde“ total freuen mich zu treffen und auch anscheinend daran interessiert sind was ich gerade mache und wie es mir ergangen ist, mich damals jedoch weder zu ihren Feten einladen hatten noch sich mit mir zum Schwimmen oder Ähnlichem verabredet hatten. Was ist heute so anders? Und vielleicht wären wir ja in Kontakt geblieben, wenn ich nicht immer das Gefühl gehabt hätte unerwünscht zu sein.
Davon abgesehen: Trotz Freudenbekundungen und Schulterklopfen meldet sich auch jetzt keiner von den Ehemaligen mal bei mir. Also was stimmt jetzt? das vordergründige: „Hach schön Dich zu sehen!!“ oder mein Gefühl damals wie heute?

Aber irgendwann war es dann soweit, dass das Abitur anstand und diese Schulzeit sich dem Ende neigte. Und dann passierte etwas seltsames. Alle waren irgendwie froh es bald geschafft zu haben aber bei mir brach die totale Panik an: was sollte denn dann aus mir werden, wenn ich nicht mehr zur Schule gehen konnte? Die Schule war mein Zuhause. Hier war ich sicher, hier kannte ich mich aus. Irgend wie hatte ich auch alle Aktionen der Schule die uns auf ein Leben nach der Schule vorbereiten sollten verpasst. Oder gab es so etwas gar nicht? Ich kann mich nur an einen Termin beim Arbeitsamt erinnern. Und während dieses Gespräches wurde mir dann die Illusion geraubt, dass ein Biologiestudium auf Lehramt eine gute Idee wäre. Meine Eltern waren der Ansicht, dass ich was vernünftiges studieren sollte. "Wer braucht schon Architektur? Was soll man denn mit einem Magister in Biologe?“ „Maschinenbau! Das ist doch nichts für Mädchen!!“„Medizin kannst Du nicht studieren, das ist 'ne Nummer zu groß für dich. Schuster bleib bei deinem Leisten.“ „Werd doch Beamtin, da hast Du was sicheres."

Und so ging es in einem Fort. Erst schicken sie dich zum Gymmi, trietzen dich ständig weil die Noten nicht gut genug sind und dann soll ich doch bei meinem Leisten bleiben? Ich war total entnervt und wußte mir wirklich keinen Rat. Zumal meine Noten auch ziemlich miserabel waren. Irgendwie hatte ich Träumerle den Startschuss für die Punktejagd zum Abi verpasst. Meine erste Reaktion war, dass ich durchs Abi fallen müsse, dann hätte ich noch ein Jahr um mich gut vor zu bereiten. Aber meine Freundin wollte von solch einem Blödsinn nichts wissen und schleppte mich zu unserem damaligen Rektorin und gemeinsam mit den Konrektor wurde mir diese Idee auch ausgeredet.

Tja, was nun? Mein damaliger Freund war Kaufmann und meine damalige beste Freundin auch und so lag der Gedanke nahe, es doch in diesem Genre zu versuchen. Da ich aber bereits eine eigene Wohnung hatte und dementsprechend Geld verdienen musste, versuchte ich es bei den Banken. Schließlich hatte ich ja Abitur. Aber da wollten sie mich nicht, denn ich konnte keinen Dreisatz und bin durch die Rechenaufnahmeprüfungen gerasselt. Also was lag näher: ich studierte Wirtschaftswissenschaften, da brauchte man keinen Dreisatz sondern wieder Integral- und alle möglichen anderen Rechenarten und in denen war ich richtig gut. Schließlich hatte ich Matte im Abitur mit ‚ner 1 abgeschlossen (war aber leider kein Abifach). Ich hätte besser Maschinenbau oder Prozesstechnik studiert. Denn schließlich gehören zum WiWi-Studium auch die Rechtswissenschaften.

Na ja, nach 6 Semestern 19 Prüfungen und 2 fehlenden Rechtsscheinen verpasste ich das Vordiplom und musste mich einmal wieder erst um meine Liquidität statt um meine persönliche Entwicklung kümmern. Und damit war dann auch die Jugend eigentlich schlagartig vorbei. Ich war fast 23 und stand vor dem Nichts.